Warum selbst Disruptoren unter Druck geraten und welche Strategien gegen immer kürzere Innovationszyklen helfen
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Technologische Umbrüche kommen heute nicht mehr in Generationen, sondern in immer kürzeren Wellen. Somit geraten auch Unternehmen, die einen Markt gerade erst neu definiert haben, oftmals schon wenige Jahre später selbst unter Druck. Die Automobilindustrie ist dafür ein besonders sichtbares Beispiel: Tesla disruptierte mit softwaregetriebenen Fahrzeugen die klassische OEM-Logik, chinesische Hersteller wie BYD oder NIO skalierten schneller und günstiger und inzwischen kämpfen selbst sie mit Überkapazitäten und sinkenden Margen. Die eigentliche Managementfrage lautet daher nicht mehr: Wer hat die nächste Innovation? Sondern: Wie bleibt ein Unternehmen dauerhaft anpassungsfähig, wenn Wettbewerbsvorteile immer kürzer bestehen bleiben?
Branchen verändern sich selten linear. Stattdessen entstehen meist Innovationsschübe, die bestehende Marktführer verdrängen und neue Gewinner hervorbringen. Früher dauerte dieser Prozess Jahrzehnte. Heute reichen schon wenige Jahre. Historische Beispiele zeigen das Muster deutlich: Quarzuhren verdrängten mechanische Hersteller, Digitalkameras ersetzten den analogen Film und Fließbandproduktion revolutionierte den Fahrzeugbau. Neu ist dabei heute vor allem die Geschwindigkeit. Digitalisierung, Software und globale Lieferketten ermöglichen es, neue Geschäftsmodelle nahezu sofort weltweit auszurollen. Wettbewerbsvorteile schrumpfen damit von Jahrzehnten auf wenige Jahre. Die Automobilindustrie durchläuft diese Beschleunigung aktuell im Zeitraffer.
Tesla stellte das Auto nicht als mechanisches Produkt, sondern als digitale Plattform neu vor. Funktionen werden per Software freigeschaltet, Updates kontinuierlich ausgerollt, Entwicklungszyklen massiv verkürzt. Während traditionelle Hersteller in mehrjährigen Modellpflegen denken, operiert Tesla eher wie ein Softwareunternehmen. Und die Zahlen zeigen die Wirkung: Die Auslieferungen stiegen von rund 50.000 Fahrzeugen im Jahr 2015 auf über 1,8 Millionen Fahrzeuge 2023. Zeitweise überstieg der Börsenwert die kombinierte Marktkapitalisierung mehrerer etablierter OEMs. Tesla bewies: Geschwindigkeit und Softwarekompetenz schlagen zwar inkrementelle Optimierung. Doch für langfristige Marktführerschaft reicht Disruption nicht aus.
Chinesische Hersteller übernahmen viele dieser technologischen Prinzipien von Tesla, kombinierten sie jedoch mit staatlicher Förderung, integrierten Lieferketten und einer extrem schnellen Industrialisierung. Der Wettbewerbsvorteil entstand so weniger durch die Innovation als durch die Umsetzungsgeschwindigkeit. Laut der International Energy Agency entfielen 2023 rund 60 % aller weltweit verkauften Elektrofahrzeuge auf China. BYD lieferte über zwei Millionen elektrifizierte Fahrzeuge aus und konnte Tesla im Volumen zeitweise überholen. Gleichzeitig lagen die Preise vieler Modelle deutlich unter den westlichen Angeboten und waren teils 30–50 % günstiger. Diese Phase zeigt ein klares Muster: Nicht der Innovator gewinnt automatisch den Markt, sondern derjenige, der Technologie am schnellsten und günstigsten skaliert. Doch selbst dieses Modell stößt inzwischen an Grenzen. Überkapazitäten, aggressive Preiskämpfe und sinkende Margen setzen Hersteller unter Druck und auch diese Wettbewerbsvorteile bestehen immer kürzer.
Und somit kündigt sich schon die nächste Welle an. Die kommende Transformation wird aber nicht mehr primär durch Antriebstechnologien ausgelöst, sondern durch Software, Daten und digitale Services. Fahrzeuge entwickeln sich zu „Software-defined Vehicles“, deren Funktionen per Update oder Abonnement freigeschaltet werden. Marktstudien von McKinsey & Company und Boston Consulting Group gehen davon aus, dass bis 2030 rund 25–30 % der automobilen Gewinne aus Software- und Serviceerlösen stammen könnten. Gleichzeitig prognostiziert die International Energy Agency einen globalen Elektrofahrzeuganteil von 40–50 % aller Neuzulassungen bis 2030, in China und Teilen Europas sogar darüber. Hinzu kommen neue Geschäftsmodelle wie Mobility-as-a-Service, Flottenbetrieb oder autonome Systeme. Der Wettbewerb verschiebt sich damit von Stückzahlen zu Plattformlogiken. Wer Kundenzugang, Daten und Software kontrolliert, kontrolliert künftig auch die Wertschöpfung. Das Auto wird also weniger Produkt und mehr Teil eines digitalen Ökosystems.
Der entscheidende Treiber ist Software. Hardware wächst linear: mehr Produktion erfordert mehr Anlagen. Software hingegen skaliert exponentiell: Ein neues Feature kann weltweit ausgerollt werden, ganz ohne zusätzliche Fabriken. Diese Logik führt zu zwei Effekten: Erstens steigen Wachstumsgeschwindigkeiten massiv an. Zweitens schrumpft die Lebensdauer von Wettbewerbsvorteilen. Was heute einzigartig ist, kann morgen schon Standard sein. Transformation wird damit kein Projekt mehr, sondern ein Dauerzustand!
Für Finance- und Transformationsverantwortliche ist das aber keine technologische, sondern eine betriebswirtschaftliche Herausforderung. Verkürzte Zyklen erhöhen das Risiko von Fehlinvestitionen und Entwicklungsprojekte mit fünfjähriger Amortisation können bereits nach zwei Jahren obsolet sein. CapEx steigt, dass die Planungssicherheit sinkt, während Opportunitätskosten wachsen. Gleichzeitig wird Time-to-Market zu einem zentralen KPI. Wer sechs Monate früher live geht, realisiert früher Umsatz und EBIT-Beiträge. Während Verzögerungen unmittelbar den Wert mindern. Das größte Risiko ist dabei aber selten eine falsche Strategie, sondern fehlende Transparenz, sodass Initiativen parallel laufen, Abhängigkeiten unsichtbar bleiben oder Stop-Entscheidungen erst zu spät kommen.
Und genau hier entscheidet sich künftig der Erfolg. Je schneller Märkte werden, desto weniger funktionieren manuelle Steuerungsmechanismen. Unternehmen brauchen stattdessen einen Echtzeit-Überblick über Initiativen, Verantwortlichkeiten und Wirkung. Transformation wird damit zur operativen Managementdisziplin. Plattformen wie Valuedesk unterstützen Organisationen dabei, Programme zentral zu steuern, Fortschritte messbar zu machen und Prioritäten laufend anzupassen. Geschwindigkeit entsteht so nicht mehr durch Aktionismus, sondern durch bessere Entscheidungen.
Tesla disruptierte. China skalierte. Und schon entsteht die nächste Welle. Gewinner sind nicht die mit der größten Einzelinnovation, sondern die mit der höchsten Anpassungsfähigkeit. Transformation ist somit kein einmaliges Ereignis mehr, sondern ein permanenter Prozess. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Welche Welle kommt als Nächstes?“ Sondern: „Sind wir organisatorisch gut genug aufgestellt, um von der nächsten Welle zu profitieren?“
International Energy Agency (Global EV Outlook)
McKinsey – Automotive Software & Electronics 2030 Reports
Boston Consulting Group – The Software-Defined Vehicle
Branchen- und Absatzberichte von Tesla und BYD